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Liebe Interessierte,
den folgenden Artikel zu kollektiver Intelligenz habe ich bereits vor zwei Jahren geschrieben. Für mich gehört zur Grundidee und Forschungsfrage von Holon 42: Wie kann in einer Stadt kollektive Intelligenz entstehen? Der selbe Artikel ist auch im Forum gepostet, ich freue mich dort über Rückmeldungen, Erweiterungen, Verbesserungen, Aktualisierungen.
Viel Spass beim Lesen.
François M. Wiesmann
Kollektive Intelligenz
Persönlicher Hintergrund
Kollektive Intelligenz – zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe ich den Begriff anlässlich eines gleichnamigen Kongresses in Würzburg. Ich fand ihn interessant und modern und fühlte mich ihm verbunden, da ich schon seit vielen Jahren an diesem Phänomen forschte, ohne es so benannt zu haben. Ich nannte es anders, wir nannten es anders, z.B. Gemeinschaftsgeist, oder kommunitäres ICH. Ich finde „Kollektive Intelligenz“ moderner. Es fing an, mich zu interessieren.
Ich lebe seit 25 Jahren die meiste Zeit in Gemeinschaften verschiedener Größe, verschiedener Schwerpunkte. Ich habe sehr viel darüber geforscht und gelernt, wie Menschen zusammen leben können und sich dabei steigern, unterstützen, befruchten, in ihre größte individuelle und gemeinsame Kraft hineinbegleiten. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen sich gegenseitig steigern, wenn sie zusammen leben oder arbeiten. Allzu oft ist das Gegenteil der Fall – der kleinste gemeinsame Nenner ist das Niveau, auf dem man sich einigt. Das kennt jeder. Mich haben aber immer diese brillanten Momente fasziniert, wo es uns (oder anderen) aus irgendeinem Grund gelang, sich gemeinsam zu geistigen, kreativen, produktiven Höhenflügen aufzuschwingen. In diesen Zeiten wurde für mich das Zusammenleben magisch. Es hatte dann immer – auf verschiedene Weise – einen bestimmten Glanz, ein Leuchten, das alles durchdringt, und war begleitet von einem Gefühl: ich bin hier richtig.
Schon lange gehe ich deswegen mit der Frage: Was braucht es, damit diese Momente nicht vom Zufall abhängen? Wie können wir sie bewusst erzeugen?
Als ich mich dann aufmachte, im Internet nach dem Begriff „kollektive Intelligenz“ zu forschen, war es für mich ein Gefühl, wie wenn mir Schuppen von den Augen fallen. Ich entdeckte, dass sehr viele sehr kreative und sehr engagierte Menschen schon seit mehr als 20 Jahren in aller Welt dabei waren, sich mit diesem Phänomen intensiv und konkret auseinander zu setzen. In mir entstand der Impuls, mit ihnen zusammen zu arbeiten und das Thema zu erforschen.
Was ist kollektive Intelligenz?
Haben Sie sich schon einmal in einem Gruppengespräch wiedergefunden, das, nachdem es vielleicht ganz normal oder etwas anstrengend anfing, sich plötzlich wandelte? So dass Sie das Gefühl hatten, dass jetzt ein Baustein zum anderen kommt, dass sich die Beiträge ergänzen, anstatt sich zu widersprechen, dass die Ideen sprühen und eine Atmosphäre entsteht, in der alle fühlen, dass etwas Gemeinsames am Werk ist, obwohl keiner so genau sagen kann, was?
Wenn das so ist, hatten Sie vielleicht das Glück, an einem jener Vorgänge teilzunehmen, die „Gruppenbewusstsein“ oder „kollektive Intelligenz“ genannt werden. Nicht nur in Gesprächen tritt dieses Phänomen auf. Es findet sich in vielen Bereichen menschlichen Zusammenwirkens wieder. Doch bevor ich darauf zurückkomme, erst noch ein paar Gedanken zur Frage: Was ist Intelligenz?
Etymologisch kommt Intelligenz von intellegere, lateinisch für erkennen, begreifen, einsehen. Um den Grundvorgang, das Phänomen Intelligenz, besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf das Organ, das am meisten damit in Verbindung gebracht wird: das Gehirn. Im herkömmlichen Sinn wird Intelligenz verstanden als etwas, das im Kopf stattfindet, genauer gesagt, im Gehirn. Die Fähigkeit, logisch und konsequent zu denken. Jemand ist intelligent, oder eben nicht. Eine individuelle Funktion, erblich, vielleicht auch charakterlich bedingt.
In der heutigen Zeit jedoch erweitert sich der Begriff. Intelligenz ist nicht mehr nur dem Gehirn zuzuordnen. Sie wird vielmehr als Funktion eines Systemzusammenhanges gesehen. Das Gehirn selbst ist ein Netzwerk von Milliarden von Neuronen (Gehirnzellen), die untereinander in Verbindung stehen. Interessanterweise kann die Gehirnforschung trotz intensiver Suche keinen Ort und keine Instanz im Gehirn finden, wo die gesamten Informationen zusammenlaufen, ausgewertet werden, verteilt werden, oder wo Entscheidungen getroffen werden. Das ICH ist im Gehirn in keinster Weise nachweisbar. Die einzelnen Neuronen oder auch Regionen des Gehirns haben jeweils nur Ausschnitte einer Gesamtinformation codiert (gespeichert). Diese Teilinformationen setzen sich zu einem Ganzen zusammen, wenn die Neuronen oder regionalen Netze sich mit anderen in eine gemeinsame Schwingung versetzen, sich synchronisieren. So funktioniert z.B. das Sehen. Verschiedene Neuronengruppen sind zuständig für Farbe, Form, Bewegung. Wenn sie sich synchronisieren, setzen sich ihre Informationen zu einem Gesamtbild zusammen – wir sehen ein sich bewegendes, buntes Objekt. Dadurch, dass sich Teile synchronisieren, werden also Wahrnehmungen möglich, die die einzelnen Bereiche für sich nicht haben könnten. Eine dezentral organisierte Information fügt sich zu einem Ganzen durch Synchronisation. Wenn wir die Beobachtungen am Gehirn auf den Intelligenzbegriff übertragen, könnten wir (etwas vereinfacht) sagen: je umfassender und intensiver die Teile eines Systems (z.B. Neuronen des Gehirns) miteinander vernetzt sind und kommunizieren, und je besser sie aufeinander eingeschwungen sind, desto höher, d.h. komplexer ist die Intelligenz.
Es deutet vieles darauf hin, dass das nicht nur für das Gehirn, sondern insgesamt für lebende Systeme gilt.
Ich habe zwei Möglichkeiten, die Beobachtungen zu interpretieren: Entweder entsteht Intelligenz aus dem intensiveren Zusammenspiel der Teile. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – es geschehen also Dinge, die man nicht direkt aus den Einzelteilen und ihren Fähigkeiten ableiten kann. Das Zusammenwirken erzeugt eine höhere Seinsebene (Die Wissenschaft nennt diesen Vorgang „Emergenz“).
Oder die Teile werden durch das Zusammenwirken fähig, Kräfte, Energien, Gedanken zu empfangen, die sowieso schon da sind, aber von den einzelnen Teilen nicht wahrgenommen werden können, weil ihre Wahrnehmungsfähigkeit nicht komplex genug ist (ungefähr so, wie durch eine Antennenschüssel mehr Fernsehsender zu empfangen sind als durch eine einfache Stabantenne. Die übertragenden Wellen sind aber auch da, wenn sie nicht empfangen werden). Das entspricht eher einer spirituellen Sichtweise. Letztlich sind aber beide Sichtweisen Aspekte desselben Vorgangs.
In sozialen Zusammenhängen treffen wir auf ein entsprechendes Phänomen: Kollektive Intelligenz ist eine emergente Eigenschaft - eine Eigenschaft, die auftaucht und die Fähigkeiten der beteiligten Menschen bei weitem übersteigt. Wir können sie heutzutage leicht beobachten in sehr verschiedenen Arten von menschlichem Zusammenwirken. Einige Beispiele:
Im Sport: Wer schon einmal Mannschaftssport betrieben hat, hat sicherlich ab und zu einen von den Momenten erlebt, wo das Spiel einfach fließt. Alles gelingt, die Spieler bringen begeisterten Einsatz, alle laufen gleichzeitig zu Hochform auf, alle sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort, die Frage nach der persönlichen Profilierung ist vergessen, es zählt nur der jetzige Augenblick.
Der amerikanische Basketballtrainer Phil Jackson sagt das deutlich: dass die Teams die erfolgreichsten sind, die sich der Stärke der Einheit verschreiben und nicht der der einzelnen Spieler. „Es spielt keine Rolle, wie gut die einzelnen Spieler sind – sie können einfach nicht mit einem Team konkurrieren, das wach und aufmerksam ist, und in dem man einander vertraut. Die wertvollsten Spieler sind also die selbstlosen Spieler – jene, die daran interessiert sind mitzubekommen, was vor sich geht, und die den Flow auf dem Spielfeld in Gang halten.“ Er hat damit immerhin 9 Meisterschaften in der NBA (eine der beiden großen Profi-Ligen in den USA) gewonnen.
Intensive Kommunikation zwischen den einzelnen Spielern und Ausrichtung auf etwas Größeres sind also Schlüssel eines intelligenten Spiels, nicht so sehr das Können der einzelnen Spieler.
In der Wissenschaft: Der bekannte Physiker Werner Heisenberg berichtet, dass die meisten von den großen Theorien, die die Physik in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts revolutionierten, aus kollektiven Denkvorgängen in Gesprächen zwischen den Wissenschaftlern wie Einstein, Bohr, Pauli und Heisenberg entstanden sind, nicht aus Einzelleistungen der Physiker.
In der Gruppenarbeit: In Gruppen, die ich geleitet oder an denen ich teilgenommen habe, haben wir immer wieder bewusst an der intensiven Vernetzung der Teilnehmer gearbeitet. Dabei habe ich beobachtet, dass sich verschiedene Phänomene mit einer großen Regelmäßigkeit einstellen. Nach einiger Zeit fangen die Menschen an, gleichzeitig dieselben Gedanken zu denken. Wenn wir auf Träume achten, tauchen in den Träumen verschiedener Menschen zusammenhängende Bilder oder gleiche Symbole auf. Kürzlich habe ich erlebt, dass innerhalb von zwei Stunden dreimal eine Person genau dann zur Türe reinkam, als ihr Name fiel.
Und mehr und mehr ist es dann auch so, dass für alle Dinge, die zu tun sind, damit es der Gruppe wohl ergeht, sich immer und ohne Mühe jemand findet, der sie gerne tut. Das System fängt an, sich selbst zu organisieren, wenn die Energie ein bestimmtes Level übersteigt. Die Gruppe fühlt sich wie ein Organismus und tut natürlicherweise alles, was es braucht, damit dieser Organismus funktioniert und gut lebt. Wenn es jemandem schlecht geht, gibt es von selbst auch jemanden, der für ihn da ist. Und wenn Hunger aufkommt, gibt es sicherlich jemanden, der gerne für alle kocht. Das System sorgt auf intelligente Weise für sich selbst. Durch die ständige Rückkoppelung der Teilnehmer untereinander weiss „es“ gewissermassen um „seine“ Bedürfnisse und erfüllt sie. Dieses „Es“ ist nicht planbar oder kontrollierbar, aber fühlbar vorhanden: eine Gruppenintelligenz, eine Art Gruppen-ICH. Sie bleibt so lange bestehen, wie die Mitglieder wach, präsent und auf etwas Gemeinsames ausgerichtet sind.
Im Internet: die höchste Intelligenz und Kreativität entwickeln nicht einzelne Menschen, sondern ein Wissenspool, der aus der Vernetzung und dem freien Fluss von Wissen unzähliger, mehr oder weniger anonymer Teilnehmer entsteht und lebt. Die Forschungs- und Entwicklungsgeschwindigkeit in diesem offenen Pool (open source) übertrifft die eines jeden noch so spezialisierten Experten oder Einzelunternehmens. Es entsteht eine übergeordnete Instanz, die von Einzelnen weder geplant noch kontrolliert werden kann. Sie manifestiert neue Werte (z.B. Transparenz statt Geheimhaltung, Kooperation statt Konkurrenz) in einer Gesellschaft, deren herkömmliche Werte gerade unaufhaltsam zerbröseln – diesmal allerdings nicht durch eine Moral, sondern dadurch, dass diese Verhaltensweisen einen offensichtlichen evolutionären Vorteil haben.
Das sind Beispiele, wo diese kollektive Weisheit wirkt. In vielen Fällen, in unserem Alltag meistens, sind wir allerdings (noch) nicht kollektiv intelligent. Ein amerikanischer Autor hat die treffende Frage gestellt, wie es eigentlich kommt, dass so viele Einzelmenschen ihr Bestes geben und aus ihrer Sicht gute und ehrliche Dinge tun, das kollektive Resultat dieser einzelnen Beiträge aber im grossen Ganzen Destruktion ist: Kriege, Umweltzerstörung, Armut, Hunger etc.
Eine mögliche Antwort ist die: Die einzelnen Menschen, Neuronen im sozialen Netz, sind nicht genügend mit dem Gesamtsystem vernetzt, sondern nur mit einem sehr kleinen Ausschnitt davon. Die Denk- und Handlungsperspektive besteht also aus einem minimalen Ausschitt des Ganzen. Das aber wissen die meisten dieser Neuronen nicht. Sie halten ihren Ausschnitt für die Welt, die Wirklichkeit, die Wahrheit. Sie grenzen sich oft vehement ab von anderen Neuronen, die nach ihrer Ansicht nicht im Sinne der Wahrheit oder des Guten handeln. Auf diese Weise entsteht natürlich keine frei fließende Systemintelligenz – und somit keine Instanz, die das Ganze sehen, fürs Ganze denken, die Vorgänge vollständig rückkoppeln und entsprechende Handlungsperspektiven entwickeln könnte.
Es drängt sich die Frage auf, wie wir denn beitragen können, dass die kollektive Weisheit in Gruppen – und langfristig gesehen auch in viel größeren Zusammenhängen – begünstigt wird (ich verwende in diesem Beitrag kollektive Weisheit und kollektive Intelligenz synonym).
Äussere und innere Bedingungen für das Auftreten von kollektiver Intelligenz in Gruppen
Die amerikanische Unternehmensberaterin Juanita Brown sagt dazu: „Ich würde sagen, kollektive Intelligenz ist ein systemisches Phänomen. Wenn man sie im Licht lebendiger Systeme und der Chaostheorie betrachtet, dann ist es so, als würde die kollektive Intelligenz auftauchen, wenn sich das System auf viele verschiedene und kreative Arten mit sich selbst verbindet. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf eine Frage des realen Lebens konzentriert und willentlich die wechselseitige Beeinflussung zwischen den Individuen verstärkt – die Synapsen sozusagen im sozialen Gehirn – dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit kollektiver Einsichten. Die kollektive Intelligenz ist also ein Produkt systemischer Interaktionen, nicht einfach das Ergebnis von Eins plus Eins.“
Im Laufe meiner Tätigkeit in der Gruppenarbeit und im Gemeinschaftsleben habe ich Bausteine zusammengetragen, die nach meiner Erfahrung wichtige Faktoren für das Entstehen solcher Zustände sind. Je mehr ich davon verstehe, deste mehr kann ich bewusst dazu beitragen, dass ganze Gruppen in Zustände verbundenen Bewusstseins kommen.
Hier einige dieser Bausteine:
Ausrichtung: Ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Absicht, ist einer der wichtigsten. Die Ausrichtung kann äusserlich sein, ein gemeinsames Projekt, eine Notsituation, die gemeinsames Handeln erfordert, ein herausforderndes Spiel im Sport, etc.
Je höher das Bewusstsein in einer Gruppe, umso eher reicht eine innere Ausrichtung: das Streben nach umfassenderem Bewusstsein, die regelmässige Verbindung mit der Quelle allen Seins. Meistens braucht es für diese Ausrichtung eine Führung, also eine Person, die diese Ausrichtung verkörpert. Eine solche Person braucht verschiedene Qualitäten, unter anderem die, sich in den Dienst zu stellen, sich also nicht persönlich wichtig zu machen.
Ins Ganze hineinlauschen: Eine Gruppe hat die Möglichkeit zu fragen, wie es dem Gruppenorganismus als Ganzes geht. Das ist eine weiterführendere Frage als die nach dem Befinden der einzelnen Teilnehmer. Sie ist von vornherein auf eine überpersönliche Ebene gerichtet. Das geht mit kleinen Gruppen, aber auch mit großen, wenn sie bereit sind, zu lauschen.
Wenn wir mit einer Gruppe gemeinsam in Stille verweilen und lauschen, welche Antworten/Eingaben zu einer Frage kommen, und das dann zusammentragen, kommt meistens ans Licht, um was es gerade geht.
Es wird formuliert, welche Energien sich gerade zeigen oder bewegen wollen, und welche blockiert sind. Das enthält dann sowohl den persönlichen Blickpunkt der Wahrnehmenden wie auch eine Wahrnehmung vom Zusammenwirken aller Faktoren in dieser Gruppe. Wir begeben uns so wie von selbst auf eine kollektive Ebene.
Die Erfahrung zeigt, dass Gruppen das nicht nur können, sondern auch sehr gerne tun. Dieser Ansatz kann auch für andere größere Systeme angewandt werden, z.B. wenn wir wissen wollen, wie es einem Ort geht, welche Energie ein Haus oder ein Gelände hat, eine Firma, ein Dorf, eine Krankheit, ein politisches Ereignis. Wir haben einen direkten Zugang zu kollektiven Wissensfeldern. Der Vorgang bewirkt eine Einstimmung der Gruppe auf eine gemeinsame Schwingung, eine Synchronisierung.
Loslassen, was nicht funktioniert. Wenn wir das Hineinfühlen zu einer regelmäßigen Praxis machen, entsteht eine Sensibilität für das, was zu tun stimmt und was nicht stimmt. Manchmal hatten wir Dinge geplant, die sich als erstaunlich widerspenstig erwiesen, als wir sie entscheiden oder in der Gruppe umsetzen wollten. Das eine ist dann, sich die verschiedenen Standpunkte anzuhören und sie zu erwägen. So finden wir heraus, wo der Energieschwerpunkt der Gruppe ist, die aktuelle Strömung. Das kann in kurzer Zeit klar sein. Immer wieder gibt es aber Situationen, wo das nicht klar wird. Wo zwei oder drei Standpunkte gleichviel Energie zu haben scheinen und wir nicht in der Lage sind, Klarheit für einen gemeinsamen Standpunkt zu gewinnen. Wir beginnen zu diskutieren und uns zu nerven. Oder es wird ungeheuer kompliziert, etwas Einfaches zu organisieren. Dann ist nach meiner Erfahrung loslassen angesagt.
Entweder lassen wir die Sache dann einfach stehen und sagen, heute gibt es dafür keine Lösung, und bitten darum, dass bald eine auftaucht. Oder wir sagen, anscheinend soll die Sache nicht sein. Lasst es uns vergessen.
Interessanterweise bewirkt dieses Loslassen sehr oft, dass sich jemand meldet und sagt: Ich mach’s. Oder: mir kommt da noch ein ganz anderer Gedanke. Oder man geht raus aus dem Treffen, und nach zwei Stunden weiß man plötzlich, um was es wirklich geht. Oder das Leben schickt eine Situation, aus der neue Perspektiven hervorgehen. Manchmal passiert aber auch nichts dergleichen. Die Situation ist einfach fertig. Es war nichts dran. Was hat das mit kollektiver Intelligenz zu tun? Ich würde es so formulieren: Das Ganze hat immer eine Lösung bereit. Auf die komme ich als Einzelner oft nicht. Wenn ich in meinem Geiste aber die Möglichkeit und das Vertrauen einbeziehe, dass die Lösung von einem Ort oder Menschen kommen kann, von wo aus ich es gar nicht erwarte, erweitere ich mein Potential um das Potential des Universums – was unendlich viel komplexer und umfassender ist als meines. Ich lasse die Welt mitdenken, und das tut sie auch.
Gesprächskultur: Es gibt ein paar Dinge in der Gesprächskultur von Gruppen, Teams oder Organisationen, die mithelfen, die kollektive Intelligenz, die Synergie der Kräfte, einzuladen.
- Ich höre zu, wenn jemand spricht. Was will die Person wirklich zum Ausdruck bringen?
- Ich lasse die eigene Berührung mit dem Thema fühlbar werden beim Sprechen. Ich zeige meine tieferen Motive. Ich zeige mich verletzlich. Das kann z.B. heissen, von Dingen zu sprechen, die mich wirklich bewegen und berühren in meinem Herzen. Ich nehme meine Gefühle wahr.
- Beiträge nicht gegeneinander stellen, sondern nebeneinander. Das heißt, ich füge meinen Teil dazu, ohne die Aussage meiner Vorredner zu beurteilen, kleiner oder grösser zu machen. Es ist für die kollektive Intelligenz nicht wichtig, ob ich das, was andere sagen, richtig oder falsch finde. Die Wahrheit hat immer viele Facetten. Wenn wir sie nebeneinander sein lassen, kann eine Gesamtschau auf das Thema entstehen, die aus keiner der Einzelperspektiven möglich gewesen wäre. Es geht darum, herauszufinden, was das Ganze gerade will.
- Um ins Ganze und in sich selbst hineinlauschen zu können, braucht es Stille. Immer wieder Momente, wo niemand etwas sagt. Zwischenräume zwischen den Informationen. Momente, wo nachklingen kann, was gesagt wurde und wie es gesagt wurde. Die Stille ist ein Tor, durch das Unerwartetes eintreten kann.
- Grundsätzliche Überlegungen führen uns oft weg von dem, was im Moment am aktuellsten ist. Oft werden Menschen grundsätzlich, wenn sie sich nicht trauen, das anzuschauen, was gerade ganz naheliegend ist.
Eine möglichst vielfältige und intensive Vernetzung der Beteiligten:
dadurch wird das soziale Gehirn, dessen Synapsen die einzelnen Menschen sind, aktiviert und synchronisiert. Es ist förderlich, in verschiedenster Art in Kontakt zu gehen, z.B. durch Gespräch, Spiel, Musik, Feiern, Arbeiten, Sport, Meditation, etc., oder anders gesagt, die spirituelle, mentale, emotionale, körperliche, erotische Ebene mit einzubeziehen.
Der direkteste Weg zum Ziel ist der Umweg - vor allem, wenn das Ziel komplex ist. Es kommt meistens ein wenig anders als erwartet. Sinnvoll ist es, das Ziel im Auge zu behalten und dem Leben den Spielraum zu lassen, um es zu verwirklichen. Wir können nie alle Faktoren im Blick haben. Wenn also Unvorhergesehenes passiert, keine Panik: Es könnte ein Hinweis sein auf eine noch bessere Lösung, auch wenn es nicht sofort danach aussieht. Durchatmen anstatt zu reagieren, um zu sehen, wie das Leben spielen möchte. Wenn wir das erlauben, ziehen Entspannung und Heiterkeit ein. Die Intelligenz des Ganzen ist intelligenter als wir. Wenn wir lernen, darauf zu vertrauen, geben wir dieser Intelligenz den Raum, sich zu zeigen – und sie ist überwältigend.
Individuelles Training. Ob es gelingt, die hier beschriebenen Punkte in Gruppen zu beherzigen und in die Tat umzusetzen, hängt wesentlich von einem individuellen Training ab, das jeder Beteiligte machen muss. Es geht dabei vor allem darum, fähig zu werden zu authentischer Verbindung und authentischem Kontakt mit anderen Lebewesen und mit den Kräften, von denen sie geleitet sind. Eine Sensibilität für das Feinstoffliche ist dafür nötig, und ein Bewusstsein darüber, dass unsere Weltsicht immer eine beschränkte und gefilterte ist und nicht DIE Realität. Hilfreich ist auch das Training, unseren Fokus in erster Linie auf das zu richten, was eint und verbindet und uns nicht mehr von Trennendem täuschen zu lassen.
Natürlich kann diese Liste erweitert werden, und es sind nicht immer die gleichen Dinge, die den „Dreh“ bewirken. Er kommt auch nicht immer, der „Dreh“. Eine Spur Geheimnis wird dem Ganzen auch weiterhin innewohnen, was uns auch verstehen hilft, dass wir nicht alles selber machen können. Die Schöpfung hält einen unbekannten Faktor bereit, etwas Unvorhergesehenes, etwas Magisches. Das zu akzeptieren, gehört auch mit zu den Voraussetzungen für kollektive Intelligenz.
Übrigens – was in kleineren und grösseren Gruppen möglich ist (ich habe diese Vorgänge schon in Gruppen bis zu 200 Menschen beobachtet), warum sollte das nicht auch möglich sein in viel größeren Zusammenhängen, letztendlich sogar weltweit? Stellen Sie sich eine Menschheit vor, die sich wie ein Organismus fühlt und deren höchstes und vitalstes Interesse es deswegen ist, für das gemeinsame Wohl dieses Organismus zu sorgen. Ich weiss, wir sind noch nicht so weit, und der Gedanke wirkt ein bisschen träumerisch. Aber der Zusammenschluss von einfacheren zu komplexeren Systemen war schon immer ein Leitfaden der Evolution. Und die Entwicklungsgeschwindigkeit scheint sich in der heutigen Zeit zu potenzieren.....
Evolutionäre Bedeutung des Phänomens „Kollektive Intelligenz“
Wie oben schon angedeutet, scheint der Kooperationsgeist gerade auf eine neue Stufe der Entwicklung und der Bedeutung für das Ganze zu kommen. Der Trend geht in Richtung Synergie, Zusammenschluss auf allen Ebenen. Das, was Teilhard de Chardin vor 80 Jahren vorausgesehen hat, wird spürbar: „Höheres Sein ist umfassenderes Vereintsein“. Die Evolution strebt auf einen Punkt Omega zu, in dem alles, was sich im Laufe der Evolution auseinanderdivergiert hat, auf einer höheren Bewusstseinsebene wieder zusammenläuft. Und es sieht so aus, als ob wir seit einiger Zeit den Wendepunkt überschritten haben. Das heisst, die Evolution zieht uns jetzt in Richtung Vereinigung. Oder, um es mit Peter Russell zu sagen: Wir streben auf einen Punkt in der Entwicklung zu, wo das, was im Gehirn zwischen den Zellen passiert, damit das Gehirn als Ganzes funktioniert, jetzt anfängt, auf globaler Ebene „zwischen den Gehirnen“ zu passieren, also zwischen den Menschen; als immer intensivere Vernetzung einzelner Teile zu einem denkenden und wahrnehmenden Ganzen, einem „global brain“. Dadurch wird uns eine weit höhere, und das heisst vor allem komplexere, ganzheitlichere Intelligenz zugänglich, deren Möglichkeiten die meisten von uns noch gar nicht ahnen.
Dieser Zusammenschluss bedeutet einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Das Individuum wird sich viel mehr als Teil eines Ganzen erfahren. Wo jetzt noch Wettbewerb und Konkurrenz vorherrschen, wird Kooperation stattfinden.
Und das Gute ist: wir können es langfristig nicht verhindern. Wer auf Konkurrenz und Abgrenzung gepolt bleiben will, wird – so paradox es heute noch klingen mag – bald nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Er wird einfach als eine Art Auslaufmodell von der Evolution überholt werden. Die Vorboten davon sind überall sichtbar. Progressive Firmen arbeiten schon längst auf Teamwork und kollektives Wissen hin; daraufhin, das Potenzial aller Mitarbeiter so weitgehend wie nur möglich miteinzubeziehen. An immer mehr Orten der Welt entstehen Gemeinschaften und Regionen, die sich nachhaltig vernetzen. Das Internet gibt auf der technischen Ebene ein Bild für das, was auch immer konkreter zwischen Menschen passieren wird – und schon passiert.. Das alles sind Anzeichen eines evolutionären Vorgangs, der zwar noch unscheinbar aussieht, vielleicht sogar schwach. Aber es deutet sich auf diesen kleineren Schauplätzen eine Strömung an, die bald einen unwiderstehlichen Sog entwickeln könnte. Und dieser Zusammenschluss, diese intime Vernetzung, dieses Ende der individuellen Abschottung und der privaten Daseinsweise, ist auch unsere einzige Chance, mit der Evolution mitzugehen. Wir können uns zwar weigern, das zu tun. Das bedeutet für uns aber sehr schwierige Zeiten, individuell und kollektiv. Wollen wir allerdings Herausforderungen wie die Erderwärmung, die Verteilung der globalen Ressourcen, die Beendung der weltweiten Gewalt und viele andere lösen, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als den Trend der Evolution zu nutzen und uns mit allen Kräften zusammen zu schließen.
François M.Wiesmann
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